die freilerner - Rezension
17. September 2019 Joshua

die freilerner – Rezension

Türöffner für Raum und Möglichkeit

Stell dir vor, es ist Schule und sie löst sich über Nacht in nichts auf.
Was bleibt, ist grüne Wiese!
«Riesige Freifläche, herrliche Landschaft!», bemerkt ein leicht euphorischer Schaulustiger in einem Fernsehinterview.
Es ist der surreale Boden, auf dem beispielhaft die Lebensgeschichten der fünf Protagonisten ihren Lauf nehmen:
Saskia (Lena Stoll), die sich mit Haut und Haar der Erforschung eines Schlafmittels aus traditionellen Heilpflanzen hingibt;
Max (Carl Hiller), den es ins Museum zieht, um mit der bildenden Kunst auf Tuchfühlung zu gehen;
Lovis (Paul Csipai), der sich für die grosse Liebe zu jung fühlt und stattdessen seiner Leidenschaft für Uhren folgt;
Janne (Emma Brüggler), die sich ihrer belastenden Familiengeschichte stellt und bei der Soziologie landet;
und schliesslich Nuri (Yunus Gürkan), der liebend gern mit seinem Vater im Taxi unterwegs ist.
Er ist mir besonders ans Herz gewachsen, erinnert er mich doch an meinen eigenen Sohn.
Auch er betrat Schulen bisher nur als «Substrat», als Träger grundlegender Menschenrechte, als Subjekt. Auch er will dabei sein, es mir, seinem Vater, gleichtun.
Die wachen Augen, sein offenes Wesen, sein quirliger Geist; er nimmt Teil am Leben und bringt sich ein; er will erfahren und gestalten.
«Was ist ein Spesenkönig?», fragt Nuri unvermittelt einen Fahrgast, nachdem er aufmerksam dessen Telefongespräch mit einem Geschäftspartner verfolgte.
Fiktion und Realität verschmelzen, werden eins, austauschbar.
Nuri träumt davon, sein eigenes Taxiunternehmen zu betreiben, das Fahrgäste, je nach Informationsgehalt der sich während der Fahrt ergebender Gespräche zu einem günstigeren Tarif befördern würde.
Es könnte auch eine der tausend Ideen meines Sohnes sein.

CaRabA, von Bertrand Stern initiiert und von Joshua Conens produziert, ist der erste Spielfilm, der sich das Leben ohne Schule zum Thema macht. Im Mai 2019 wurde er in Berlin uraufgeführt, notabene in der Stadt, die für den Film die Kulisse bildet und ihm seine ureigene Stimmung verleiht. Charakterstarke schauspielerische Leistungen, die ein Kaleidoskop an Persönlichkeiten zeigen, raffinierte Dialoge und ein intelligent gewobenes Skript (Andreas Laudert) zeichnen den Film aus. Ich habe mich 92 Minuten bestens unterhalten gefühlt.

Etwas mehr Souveränität hätte ich den Mitarbeitern der Keimzelle des Bundesministeriums für freie Bildung gewünscht. Ich fragte mich, ob der immer noch schmerzhafte Stachel im Gewebe unserer schulgeschädigten Persönlichkeit die staatlichen Facilitatoren tatsächlich so hoffnungslos parallelisiert aussehen lassen musste?

Ganz anders unsere Protagonisten.
Sie alle gehen ihren Weg, suchend und begegnend!
So wie das Leben eben spielt:
Manchmal ist es inspirierend, manchmal frustrierend.
Ein andermal stürmisch, dann wieder erbaulich.
Von süss bis flau, ist alles drin; auch grau fehlt nicht darin.
Gespickt mit Charme und Witz verpasst es der Film nicht, auch tiefere Schichten der Betroffenheit anzurühren.

Es ist keine Hochglanzwelt, die einem hier präsentiert wird. Wer das Paradies erwartet, wird enttäuscht sein. Stattdessen treten wir ein in eine Welt, die sich mal verspielt zeigt, dann und wann brüskiert, anregt, aber auch Raum lässt.
Die Bilder (Regie: Katharina Mihm, Kamera: Arsenij Gusev, Kostümbild: Rosa Barz, Maskenbild: Elena Ziegler) zeigen ihre eigene Ästhetik; die Musik (Elias Gottstein) nimmt mich empathisch und trefflich mit, lässt mich hüpfen oder bangen. Der märchenhaften Patina in Bild, Ton und Dramaturgie konnte ich mich nicht entziehen.
Der feine Ton, will heissen: der wohlwollende Tenor und der lebensbejahende Alt, veredelt von einem kecken Sopran und untermauert von einem vertrauensvollen Bass, versprüht eine wonnige Lust auf das, was sich am Horizont andeuten will.
Es sind die Ingredienzien aufblühender Gesellschaften.
Frau Holle lässt grüssen! Verblüffend wie ein zarter Regen voller Federn, deren Kiele abertausende von Geschichten zu erzählen wüssten, zeigt dieser Film, dass die Welt nicht den braven und angepassten gehört, dafür jenen, die sich dem Leben stellen.

Meisterlich gelingt es den Machern dieses Filmes eine Welt zu erschaffen, die sowohl unterhaltsam und völlig unbedarft zu geniessen ist, als auch eine gewaltige Sprengkraft in sich trägt. Die grosse Herausforderung in diesem Film ist es, die Essenz überhaupt zu erkennen. Letzten Endes bleibt die Frage, ob dieser Film dem geneigten Publikum Antworten geben kann auf die dringlichen Fragen der Zeit. Fragen in einer unseligen Bildungsdiskussion, durch ein System verursacht, das viel Frust und Unmut generiert.

Ich meine ja. CaRabA macht es auf seine Weise, unaufdringlich, leise.
Er ist wie das Rauschen eines Baches.
Hör zu: Es bedeutet, das Leben anzunehmen, sich dem Leben zu stellen.

Ich wünsche mir für diesen Film – und ich traue es ihm zu -, dass er, gerade weil er so vornehm unprätentiös das eigentlich und vermeintlich Banale und Selbstverständliche in den Fokus rückt, zum Türöffner für Raum und Möglichkeit wird. All jenen, die es sehen wollen, gelingt der unverstellte Blick in die Welt von Menschen, die frei sich bilden.

Olivier Keller
Ende Juli 2019

Erschienen in “die freilerner” Ausgabe Drei 2019: freilerner.de

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